Bericht aus Baghdad

Zürich, 10. Mai 2004

Vor acht Monaten, am 10. September 03, haben wir das Mesopotamien Institute in Baghdad eröffnet. Trotz aller Schwierigkeiten besteht das Zentrum bis heute mit Erfolg. Monatlich werden vier Aktivitäten mit offener Türe für alle Kulturschaffenden veranstaltet. Die erste Aufgabe für die Mitarbeitenden des Zentrums war, die Bühne der Kultur zusammen mit den Kulturschaffenden zu aktivieren und die moderne Kultur zu unterstützen. Wegen der momentanen politischen und sicherheitsmässigen Ausnahmesituation haben wir zwei Projekte ins Leben gerufen.

1. Das Buch Vorwort der Kultur

Nach den unermesslichen Plünderungen des vergangenen Jahres, fassten wir einen Plan. Während eines Jahres sollten verlorene und verschwundene Bücher, die auf dem Schwarzmarkt auftauchen, erworben, gesammelt und den grossen Bibliotheken in Baghdad zurückgeben, plus eine Bibliothek in unserem Zentrum begründet werden. Im Visier hatten wir Bücher, die für die jeweiligen Bibliotheken essentiell sind, alte seltene Exemplare, aber auch Bücher, die in Baghdad nicht einfach zu finden sind. Zuerst wollten wir die wichtigen Bibliotheken der Universitäten, Baghdad Universität, al- Mustansariia Universität, und den Schriftstellerverband beliefern. Weiter war die Idee, die gefundenen Bücher zu restaurieren, wenn nötig zu kopieren und sie in einfacher Bindung auch anderen Bibliotheken zur Verfügung zu stellen. Es war entscheidend, die Zeit zu Nutzen, damit die verschwundenen Bücher nicht ins Ausland verkauft werden. Wir schätzten im Vorfeld des Projektes, dass wir 50'000 60'000 Bücher finden und kaufen könnten.

Die Realität sah aber etwas anders aus. Aus verschiedenen Gründen, mangelnde Sicherheit, andere Prioritäten der Hilfswerke, Angst von Unterstützung von Dieben, etc. konnten wir nur wenig finanzielle Unterstützung für dieses Projekt finden. Trotzdem war es uns möglich, 8000 Bücher zu erwerben und zurückzugeben. Über weitere 8000 10'000 Bücher stehen wir in Verhandlungen.

In diesem Jahr sind die Preise rasch angestiegen. Händler kaufen Bücher im grossen Stil für die reichen arabischen Länder, um sie dort weiterzuverkaufen. Die Bücher wechseln oft mehrmals die Besitzer, bis sie auf den Markt gelangen. Es wird sehr intensiv gehandelt. Die Abwanderung von Kulturgut geht weiter.

Was haben wir erworben:

- eine Serie von philosophischen Büchern für die philosophische   Abteilung der al-Mustansaria Universität

- eine gemischte Sammlung literarischer Bücher für die Bibliothek des   Literaturverbandes. Der Literaturverband hatte sämtliche Bücher verloren.

- eine Sammlung von ca. 2000 Büchern für die Baghdad Universität

- in Arbeit ist eine Sammlung von ca. 600 Exemplaren für die Kunstakademie

- ca. 3000 Bücher für die Begründung der Bibliothek des Zentrums.

Wie gehen die Mitarbeitenden vor:

Zusätzlich zu den fünf Mitarbeitern des Zentrums haben wir allen Händlern in der al-Mutanabbi-Strasse die Idee dieses Projektes mitgeteilt. Auch Aufrufe in allen Baghdader Zeitungen haben auf das Projekt aufmerksam gemacht. G.A, selbst Händler in der al-Mutannabbi Strasse, steht als Mittelsperson jeden Tag zur Verfügung. Ein Zimmer in einer nahegelegenen Wohnung dient als Aufbewahrungsort für die Bücher.

Wöchentlich bringen wir die gesammelten Bücher ins Zentrum, um sie zu restaurieren, zu klassifizieren und mit dem eigenen Projektstempel zu versehen.

Zur Zeit sind die flüssigen Geldmittel aufgebraucht und zusätzlich ein Teil des Kredites dafür aufgewendet worden. Ohne weitere Mittel wird das Projekt vorerst eingestellt.

Nach wie vor gibt es keine wirkliche Unterstützung für kulturelle Projekte. Hilfswerke und offizielle Stellen von Ländern warten die Entwicklung im Irak ab. Zwischenzeitlich geht immer noch viel kulturelles Erbe verloren. Deshalb finden wir es wichtig, dieses Projekt weiterzuführen.

2-Die gefundenen Bilder:

Durch die Suche für die Bücher haben wir eine grosse Sammlung von Bildern des Baghdader Museums entdeckt. Insgesamt sind es 23 Stück von bedeutenden Künstlern und Künstlerinnen. Diese konnten wir ebenfalls erwerben und dem Museum zurückgeben. Monatelang hatte das Kulturministerium diese Werke auf ihrer Suchliste und konnte von offizieller Seite her, die Bilder nicht ausfindig machen. Deswegen hat der Kulturminister Mufid al-Jazairi diesen Fang in vielen Zeitungen lobend erwähnt. (Siehe den Artikel in der NZZ vom 22. 1. 04 und die Fotos auf unserem Beiblatt.)

Inzwischen bekommen wir viele Nachrichten von gesuchten Bildern, Skulpturen etc., die wir aber aus Mangel an finanziellen Mitteln nicht erwerben können.

Die anderen Aktivitäten des Zentrums:

Täglich ist das Zentrum zwischen zehn und vier Uhr geöffnet. Die Kulturschaffenden können sich dort treffen. Ca. vier Veranstaltungen finden monatlich statt:

- Poesielesungen, wie die Lesung von Abd ar-Rahman Tohmasi, Hashem Shefik,   Adnan as-Saaik, Rim Kubba, Malik al-Mutalibi, etc.

- Diskussionen über die aktuelle Kultursituation in Baghdad zu Fragen wie:

o die Stellung der Kulturschaffenden in der politischen Situation des Irak.

o die Rolle der Kulturen der Minderheiten in der arabischen Kultur im Irak.

o Möglichkeiten der Unterstützung der modernen Künste in einer Zeit, da die      konservativen Kräfte sehr stark werden.

Das Zentrum spielt eine wichtige Rolle als Brücke zwischen den kulturschaffenden Exilirakern und denjenigen, die ihre Heimat nicht verlassen haben.

Bislang gab es zwölf Feste und Lesungen für zurückgekehrte Schriftsteller.

Das Zentrum hat einen guten Ruf in den irakischen Medien und nach der erneuten Schliessung anderer ausländischer Kulturzentren steht es als das mutigste und aktivste im jetzigen Baghdad da. Die Kulturschaffenden nennen es kurz das Schweizer Zentrum.

Schlusswort:

Als wir dieses Projekt begannen, erwarteten wir, dass die Sicherheit im Land stetig besser wird und viele andere Projekte bald mit uns gemeinsam die immense Arbeit anpacken. Nach ungefähr einem Jahr ist unseres Projekt ein wichtiger Teil des kulturellen Lebens von der Hauptstadt von 1001 Nacht, das eine neue Sheharazade über seine wichtige und mutige Rolle einmal erzählen wird.

Zürich, 10. Mai 2004